Bad Salzuflen. Im Quellhaus in Ehrsen bietet Wahl-Salzuflerin Kretschmann seit Jahren Seelsorge, Seminare und psychologische Betreuung an. Immer wieder trifft sie dabei auf Menschen, die offensichtlich sensibler als andere auf ihre Umwelt reagieren. Doch nur wenige können ihre Empfindungen in konkrete Worte fassen.
Vor einiger Zeit begann Barbara Kretschmann sich zu informieren und stieß auf die Werke der amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron, die Ende der 1990er Jahre den Begriff der Hochsensibilität, “Highly Sensitive Person” (HSP), prägte. Rund 20 Prozent der Bevölkerung, so Aron, seien diesem Personenkreis zuzuordnen. Menschen, die intensiver auf die Reize ihres Umfeldes reagieren, die Stimmungen, Gerüche oder auch Geräusche weit stärker als andere wahrnehmen und verarbeiten. Eine Art Reizüberflutung, die als Folge zu Stress und Überforderung führen kann.
Viele Betroffene fühlen sich schnell verletzt oder verunsichert. Doch ob letztlich wirklich eine Hypersensibilität vorliegt, ist nur schwer zu entscheiden. Eine wissenschaftlich anerkannte Untersuchungsmethode oder auch Diagnose gibt es bislang noch nicht.
Zwei Seminare und ein Referat zum Thema hat Barbara Kretschmann bisher angeboten, die auf großes Interesse gestoßen seien. “Es besteht Bedarf”, konstatiert die studierte Sonderpädagogin. Sie traf auf Menschen, die sich seit Jahren anders fühlen, ausgegrenzt, und nicht wissen, wo die Ursachen liegen. Viele Hochsensible, vermutet die Quellhaus-Leiterin, reagieren aufgrund der ständigen Reizüberflutung mit psychosomatischen Störungen. Wichtig sei es ihr, ihnen klar zu machen: “Ihr seid nicht krank, ihr seid anders und müsst euch so akzeptieren.”
Ob als erbliche Anlage oder auch als Folge traumatischer Erfahrungen: “Es liegt nichts Pathologisches zugrunde”, ist Barbara Kretschmann überzeugt. Schon diese Erkenntnis erleichtere es vielen Betroffenen, ihre Veranlagung zu akzeptieren. Und darum gehe es letztlich. “Die Hochsensiblen müssen lernen, aus sich herauszutreten, sich auch in unserer heutigen Event-Gesellschaft zu behaupten.”
“Trommelt!” habe es Elaine N. Aron umschrieben. Viele Hochsensible seien vor allem im kreativen und musischen Bereich überaus begabt, diese Fähigkeiten gelte es herauszustellen. Doch auch das Abgrenzen müssten sie lernen. “Bin ich abends müde von den vielen Eindrücken, dann sage ich Verabredungen ab und bleibe ohne schlechtes Gewissen zu Hause.” Hochsensible müssten lernen, ihre Veranlagung nicht als Belastung zu sehen. Wichtig, so Kretschmann, ist die Erkenntnis: “Ich selbst bin in der Lage, mein Leben positiv zu gestalten.”
© Lippische Landes-Zeitung, 24.03.2011, Katrin Kantelberg

